Der Canal+-Chef boykottiert Oscarpreisträgerin Juliette Binoche und andere Filmschaffende wegen einer Petition gegen Milliardär Bolloré.
Cannes gilt als das glamouröseste Filmfestival der Welt. Doch in diesem Jahr überschattet ein handfester, französischer Kulturkampf den roten Teppich. Beim traditionellen «Brunch des Producteurs» zündete Maxime Saada, 55, Vorstandschef des Medienkonzerns Canal+, eine Bombe: Er kündigte an, sein Unternehmen werde künftig nicht mehr mit rund 600 Filmschaffenden zusammenarbeiten, die eine Petition gegen seinen Hauptaktionär Vincent Bolloré, 74, unterzeichnet haben. Darüber berichtet unter anderem die Zeitung «Le Monde».
Auf der Liste der nun faktisch Ausgeschlossenen finden sich einige der bekanntesten Namen des französischen Films: Darunter auch Weltstar Juliette Binoche, 62, César-Preisträgerin Adèle Haenel, 37, bekannte Schauspieler wie Swann Arlaud, 45, und Jean-Pascal Zadi, 45, oder auch Regisseur Raymond Depardon, 83.
Am ersten Tag des 79. Festivals von Cannes hatten die insgesamt 600 Unterzeichner in der Zeitung «Libération» ein Statement veröffentlicht. Darin warnten sie davor, die Macht über das französische Kino dem Medienmilliardär zu überlassen: «Wenn wir das französische Kino in die Hände eines rechtsaußen stehenden Besitzers geben, riskieren wir nicht nur die Vereinheitlichung von Filmen, sondern eine faschistische Übernahme der kollektiven Vorstellungskraft.»
Bollorés wachsendes Medienimperium
Hintergrund der Petition ist ein konkretes Bedrohungsszenario. Das Unternehmen Canal+ hält bereits 34 Prozent an der Kinokette UGC und damit an dem drittgrößten Kinobetreiber Frankreichs, zu dem auch das meistbesuchte Kino Europas in Paris gehört. Bis 2028 könnte Bolloré die vollständige Kontrolle übernehmen. Für die Unterzeichner wäre das der entscheidende Schritt zu einer totalen Kontrolle der gesamten Produktionskette: von der Filmfinanzierung über die Produktion bis hin zur Ausspielung in Kino und TV – alles unter einem Dach, unter Bollorés Einfluss.
Der 74-jährige Milliardär gilt in Frankreich als erzkatholischer Rechtsaußen, der über seine Medien gezielt politische Agenda betreibt. Zu seinem Medienimperium gehören der Radiosender Europe 1 und der umstrittene Nachrichtensender CNews, gegen den die Pariser Staatsanwaltschaft wegen mutmaßlich rassistischer Äußerungen ermittelt. Kanalübergreifend besitzt sein Konglomerat auch die Produktionsfirma StudioCanal – bekannt auch für internationale Titel wie «Paddington in Peru» oder das Amy-Winehouse-Biopic «Back to Black». Kritiker beschreiben Bolloré nicht ohne Grund als den französischen Rupert Murdoch, 95.
Saada: «Ich will nicht mit Leuten arbeiten, die mich Kryptofaschisten nennen»
Saadas Reaktion beim Brunch ließ laut den Medienberichten an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In einer rund achtminütigen Rede verteidigte er zunächst das Engagement seines Senders für die Vielfalt des französischen Kinos. Canal+ finanziert nach eigenen Angaben von den 200 jährlich produzierten französischen Spielfilmen die Hälfte, beim diesjährigen Cannes-Jahrgang sogar 49 Filme, darunter 13 im offiziellen Wettbewerb.
Dann folgte der Angriff: «Ich habe diese Petition als Ungerechtigkeit gegenüber den Teams empfunden, die sich für die Unabhängigkeit von Canal+ einsetzen. Ich sage ganz klar: Ich möchte nicht, dass Canal mit den Leuten zusammenarbeitet, die diese Petition unterschrieben haben. Ich möchte nicht mit Leuten arbeiten, die mich Kryptofaschisten nennen.»
Unterzeichner reagieren bereits auf den faktischen Bann
Das Kollektiv Zapper Bolloré, das die Petition initiiert hatte, wies Saadas Lesart scharf zurück: Man habe sich nie gegen die Canal+-Belegschaft gewendet, sondern einzig gegen Bolloré selbst. «Diese Einschüchterungsmethoden sind würdig für Vincent Bolloré», erklärte das Kollektiv und fragte: «Können wir noch an die Unabhängigkeit von Canal+ gegenüber dem rechtsextremen Milliardär glauben, gegen den es nun offiziell unmöglich ist, sich zu äußern?»
Der Streit um Bollorés Einfluss auf die Kulturlandschaft ist kein neues Phänomen. Erst kürzlich hatten 115 Autorinnen und Autoren ihren Austritt aus dem traditionsreichen Literaturverlag Grasset angekündigt, nachdem der Unternehmer dort seine Kontrolle ausgebaut und die Führungsriege ausgetauscht hatte.