Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bleibt auch Jahre nach seiner Amtszeit, die von 1998 bis 2005 andauerte, eine der meistdiskutierten und polarisierendsten Figuren der deutschen Politik. Insbesondere seine Nähe zu Russland und seine Reformpolitik, die Agenda 2010, sorgen auch am 25.03.2026 noch für Schlagzeilen. Aktuell meldet er sich wieder verstärkt zu Wort und fordert von seiner Partei einen neuen wirtschaftsfreundlichen Kurs.
Gerhard Schröder ist ein deutscher Jurist und ehemaliger SPD-Politiker, der als siebter Kanzler der Bundesrepublik Deutschland amtierte. Seine Regierungszeit war geprägt von markanten Entscheidungen wie dem ersten deutschen Kampfeinsatz seit 1945 im Kosovo, dem Ausstieg aus der Kernenergie und den tiefgreifenden Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010. Seine anschließende Karriere als Wirtschaftslobbyist, insbesondere für russische Energiekonzerne, steht bis heute im Zentrum öffentlicher Kritik.
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
- Kanzlerschaft: Gerhard Schröder war von Oktober 1998 bis November 2005 der siebte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
- Agenda 2010: Seine Amtszeit ist untrennbar mit den weitreichenden Sozial- und Arbeitsmarktreformen der «Agenda 2010» verbunden.
- Russland-Nähe: Seit dem Ende seiner politischen Karriere steht Schröder wegen seiner engen Verbindungen zu russischen Energiekonzernen und Präsident Wladimir Putin in der Kritik.
- SPD-Mitgliedschaft: Ein deswegen angestrengtes Parteiausschlussverfahren scheiterte 2023 in letzter Instanz.
- Aktuelle Forderungen (März 2026): Schröder fordert von der SPD eine «neue Agenda-Politik» mit einem wirtschaftsfreundlichen Reformkurs.
- Außenpolitik: Prägend für seine Kanzlerschaft waren die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg und das klare «Nein» zu einer Beteiligung am Irak-Krieg 2003.
- Lobbyismus: Nach seiner Kanzlerschaft übernahm er Posten bei Nord Stream und Rosneft, was ihm den Vorwurf des Lobbyismus einbrachte.
Wer ist Gerhard Schröder? Biografie des Altkanzlers
Gerhard Fritz Kurt Schröder wurde am 7. April 1944 in Mossenberg-Wöhren (heute Blomberg) geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf; sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg in Rumänien. Über den zweiten Bildungsweg machte Schröder Abitur, studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und trat 1963 in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. Seine politische Karriere begann bei den Jusos, deren Bundesvorsitzender er von 1978 bis 1980 war.
Nach seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter (1980-1986) wechselte er in die Landespolitik. Von 1990 bis 1998 war Gerhard Schröder Ministerpräsident von Niedersachsen an der Spitze einer rot-grünen Koalition. In dieser Funktion wurde er zu einer der führenden Figuren der SPD und schließlich zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 1998, die er gegen den langjährigen Kanzler Helmut Kohl (CDU) gewann.
Die Kanzlerschaft von Gerhard Schröder (1998-2005)
Als erster Bundeskanzler einer rot-grünen Koalition auf Bundesebene stand Gerhard Schröder vor großen Herausforderungen. Seine siebenjährige Amtszeit war von innen- und außenpolitischen Weichenstellungen geprägt. Innenpolitisch setzte seine Regierung den Ausstieg aus der Atomenergie durch, modernisierte das Staatsangehörigkeitsrecht und führte ökologische Steuerreformen ein.
Außenpolitisch fielen zwei entscheidende Momente in seine Kanzlerschaft: die deutsche Beteiligung am NATO-Einsatz im Kosovo-Krieg 1999, dem ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg, und seine strikte Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Irak-Krieg 2003. Letztere Entscheidung trug maßgeblich zu seiner knappen Wiederwahl im Jahr 2002 bei. Die Einführung des Euro als Bargeld 2002 und die Erweiterung der Europäischen Union fielen ebenfalls in seine Regierungszeit. Seine umstrittenste innenpolitische Entscheidung war jedoch die Arbeitsmarktreform.
Die Agenda 2010: Schröders umstrittenes Erbe
Im März 2003 verkündete Gerhard Schröder die «Agenda 2010», ein umfassendes Reformpaket zur Sanierung des deutschen Sozialsystems und des Arbeitsmarktes. Die Reformen, insbesondere die als «Hartz IV» bekannten Gesetze, führten zu erheblichen Einschnitten bei den Sozialleistungen und sollten die Arbeitslosigkeit durch mehr Druck auf Arbeitslose senken. Diese Politik war innerhalb der SPD äußerst umstritten und führte zu massiven Protesten sowie einer Abspaltung von Parteimitgliedern, die später in der Partei Die Linke aufgingen.
Befürworter argumentieren, die Agenda 2010 habe Deutschland wirtschaftlich wieder wettbewerbsfähig gemacht und die hohe Arbeitslosigkeit nachhaltig gesenkt. Kritiker bemängeln hingegen die Zunahme des Niedriglohnsektors und die wachsende soziale Ungleichheit. Noch heute verteidigt Schröder diese Reformen als notwendig und erfolgreich.
Die umstrittene Russland-Verbindung von Gerhard Schröder
Kaum ein Thema wird so eng mit Gerhard Schröder verbunden wie seine Nähe zu Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin. Schon während seiner Kanzlerschaft pflegte er eine enge Beziehung zu Putin, die er als «lupenreinen Demokraten» bezeichnete. Diese Verbindung intensivierte sich nach dem Ende seiner politischen Karriere dramatisch.
Kurz nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt übernahm Schröder 2005 den Vorsitz des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG, der Betreibergesellschaft der Ostsee-Pipeline, deren Bau er in seinen letzten Amtstagen noch besiegelt hatte. Später folgten hochdotierte Posten im Aufsichtsrat des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft. Auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 weigerte sich Schröder lange, sich klar von Putin zu distanzieren und seine Posten niederzulegen, was zu massiver öffentlicher und parteiinterner Kritik führte. Zwar trat er im Mai 2022 vom Rosneft-Aufsichtsrat zurück, seine grundsätzliche Haltung und seine Lobbytätigkeit bleiben jedoch ein zentraler Kritikpunkt.
Das gescheiterte Parteiausschlussverfahren
Die anhaltende Nähe zu Putins Regime, selbst nach Beginn des Ukraine-Krieges, führte dazu, dass 17 SPD-Gliederungen ein Parteiordnungsverfahren gegen Gerhard Schröder beantragten. Das Ziel war sein Ausschluss aus der SPD. Die Antragsteller warfen ihm vor, der Partei durch sein Verhalten massiv zu schaden.
Das Verfahren zog sich über mehrere Instanzen. Die zuständige Schiedskommission des SPD-Unterbezirks Hannover entschied im August 2022 jedoch, dass Schröders Engagement für russische Staatskonzerne keinen Verstoß gegen die Parteiordnung darstelle. Diese Entscheidung wurde in den folgenden Instanzen bestätigt. Im Mai 2023 entschied die Bundesschiedskommission der SPD in letzter Instanz, dass Schröder in der Partei bleiben darf, da die Einsprüche aus formalen Gründen abgewiesen wurden.
Gerhard Schröder heute: Aktuelle Einmischungen 2026
Auch im Jahr 2026 meldet sich Gerhard Schröder weiterhin zu Wort. Angesichts schwacher Wahlergebnisse seiner Partei fordert er im März 2026 eine Rückbesinnung und eine «neue Agenda-Politik». Er kritisiert die SPD für eine «Beschäftigung mit Nebenthemen» und mahnt einen konsequent wirtschaftsfreundlichen Reformkurs an. Zudem stellt er das Prinzip der Doppelspitze in der Parteiführung infrage.
Seine Äußerungen zur Russland-Politik bleiben ebenfalls kontrovers. Im Januar 2026 bezeichnete er den russischen Angriffskrieg zwar als völkerrechtswidrig, warnte aber zugleich vor einer «Dämonisierung» Russlands. Er hält an der Notwendigkeit einer Kooperation mit Russland, insbesondere im Energiebereich, fest. Auch im Oktober 2025 verteidigte er vor einem Untersuchungsausschuss in Mecklenburg-Vorpommern den Bau der Pipeline Nord Stream 2 als «außerordentlich vernünftige Entscheidung». Diese Haltung, die er auch in Interviews immer wieder bekräftigt, macht ihn zu einem der umstrittensten Altkanzler der Bundesrepublik, dessen Einfluss auf die aktuelle Politik im ZDF und anderen Medien weiterhin debattiert wird.
Tabelle: Gerhard Schröders politische Laufbahn
| Zeitraum | Amt/Position | Partei |
|---|---|---|
| 1978–1980 | Bundesvorsitzender der Jusos | SPD |
| 1980–1986 | Mitglied des Deutschen Bundestages | SPD |
| 1990–1998 | Ministerpräsident von Niedersachsen | SPD |
| 1999–2004 | Bundesvorsitzender der SPD | SPD |
| 1998–2005 | Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland | SPD |
FAQ: Häufig gestellte Fragen zu Gerhard Schröder
Wann war Gerhard Schröder Bundeskanzler?
Gerhard Schröder war vom 27. Oktober 1998 bis zum 22. November 2005 der siebte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Was ist die Agenda 2010?
Die Agenda 2010 war ein umfassendes Reformkonzept der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Schröder, das 2003 vorgestellt wurde. Es beinhaltete tiefgreifende Reformen des deutschen Sozialsystems und des Arbeitsmarktes, am bekanntesten sind die «Hartz-Gesetze».
Warum ist Gerhard Schröder so umstritten?
Die Kritik an Gerhard Schröder entzündet sich hauptsächlich an zwei Punkten: den sozialen Einschnitten durch die Agenda 2010 und seiner engen, auch nach dem Ukraine-Krieg aufrechterhaltenen Verbindung zu Wladimir Putin sowie seiner Lobbytätigkeit für russische Energiekonzerne wie Gazprom und Rosneft.
Wurde Gerhard Schröder aus der SPD ausgeschlossen?
Nein, Gerhard Schröder wurde nicht aus der SPD ausgeschlossen. Ein entsprechendes Parteiordnungsverfahren, das wegen seiner Russland-Nähe angestrengt wurde, scheiterte. Die Bundesschiedskommission der SPD bestätigte seinen Verbleib in der Partei im Mai 2023 endgültig.
Was macht Gerhard Schröder heute?
Gerhard Schröder ist als Rechtsanwalt und Wirtschaftslobbyist tätig. Er meldet sich regelmäßig zu aktuellen politischen Themen zu Wort. Im März 2026 forderte er beispielsweise einen wirtschaftsfreundlicheren Kurs von der SPD und warnt weiterhin vor einer zu konfrontativen Politik gegenüber Russland.
Fazit: Ein Altkanzler, der polarisiert
Gerhard Schröder bleibt auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft eine Schlüsselfigur der deutschen Zeitgeschichte. Sein politisches Vermächtnis, die Agenda 2010, wird bis heute kontrovers diskutiert und prägt den deutschen Arbeitsmarkt. Gleichzeitig hat seine beispiellose Karriere als Lobbyist für russische Staatsinteressen nach seiner Amtszeit das Bild des Altkanzlers nachhaltig beschädigt und zu tiefen Gräben innerhalb seiner eigenen Partei und der Gesellschaft geführt. Seine aktuellen Wortmeldungen zeigen, dass er nicht gewillt ist, sich aus den politischen Debatten zurückzuziehen, und weiterhin für seine Überzeugungen streitet – auch wenn diese ihn zunehmend isolieren.
Externe Links:
- Biografie von Gerhard Schröder im LeMO des Hauses der Geschichte.
- Informationen zur Kanzlerschaft auf der Webseite des Bundeskanzleramts.